Schamlose Selbstvermarktung

Hi Leute – für alle, die an frischen neuen Infos über die Vereinigten Staaten interessiert sind: seit gestern existiert das brandneue Blog USA Blogger, das künftig von mir und einem guten Freund betrieben wird. Hoffentlich schon bald der neue ‚Go To‘-Blog für all things America.

So, und was wird aus dem guten alten Endspurt? Na ja, ich werd das alte Ding mal ein bisschen ummodeln, denn da mein USA-Schwerpunkt nun ausgelagert ist, will ich mich hier künftig mit News und Views aus anderen Bereichen beschäftigen. Man darf gespannt sein…

Der echte Endspurt

Nur noch zwei Wochen zur großen Wahlnacht in den USA – diesmal aber wirklich der allerletzten – da wird’s wohl Zeit, dass dieser Blog seinem Namen gerecht wird und wieder aus dem Ruhestand zurückkehrt.

Also, realistisch gesehen ist die Sache für McCain eigentlich gelaufen, trotz des leichten Anstiegs in den National Tracking Polls in den letzten paar Tagen. Der Grund ist, dass Obama in verschiedenen Swing-States eindeutig die Oberhand hat, was insofern wichtig ist, da in den USA der Präsident nicht anhand der Gesamtstimmzahl, der sog. popular vote, sondern nach den Stimmen der Wahlmänner- und -frauen bestimmt wird. 48 der 50 Staaten vergeben aber ihre Stimmen en bloc, d.h. eine einfache Mehrheit reicht aus, um einen Staat und alle seine electoral votes für sich zu gewinnen. Ich kann für eine präzisere Wahlprognose und Analyse der Zusammenhänge den Umfrageaggragator FiveThirtyEight nur allerallerwärmstens empfehlen, der bizarrerweise von einem Baseballstatistiker und einem Pokerspezialisten betrieben wird. Zur Zeit wird dort Obamas Gewinnchance dort mit 93,1% beziffert.
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Nuklearer Winter

Der gestrige Erfolg Obamas – ein deutlicher Sieg in North Carolina, und eine äußerst knappe (51-49) Niederlage in Indiana, nachdem sich Clinton dort als klare Siegerin präsentieren wollte – sind erstmal ein Befreiungsschlag für den Senator aus Illinois. Clintons Schwung (das im US Politjargon alles entscheidende momentum) ist erstmal dahin, und ihre einzige noch verbleibende Chance auf die Nominierung bestünde in einer in der Huffington Post befürchteten nuklearen Opition, so genannt, weil sie aller Voraussicht nach jegliche Chancen der Demokratischen Partei zunichte machen würde. Sie besteht darin, dass sie in der Sitzung des Demokratischen Rules and Bylaws Committee , wo einige ihrer alten Parteifreunde sitzen, die Anerkennung der Stimmen aus Michigan und Florida erzwingen möchte, um ihr einen dicken Schub bei den Delegiertenanteilen zu bescheren.

Den beiden großen Staaten wurden die Delegierten aberkannt, nachdem sie ihre Vorwahlen regelwidrig vor den Super Tuesday vorgezogen hatten. Infolgedessen hatten sich die anderen Kandidaten außer Hillary in Michigan von den Wahlregistern entfernen lassen, und niemand hatte in den beiden Staaten Wahlkampagne geführt. Dass Clinton als einzige wählbare Kandidatin in Michigan gewann, war ja keine große Überraschung (obwohl 40% „uncommitted“ wählten), und ihr Sieg in Florida wäre bestimmt auch nicht so deutlich ausgefallen, hätten ihr Obama und Edwards dort ernsthaft Paroli geboten. Jedoch war damals allen klar, dass dies nur kosmetische Siege waren – bis Clinton so in Bedrängnis geriet, dass sie seitdem ständig versucht diese Vereinbarung aufzuweichen. So sagte sie in ihrer gestrigen Rede: „You know, it seems it would be a little strange to have a nominee chosen by 48 states.“

Obamas vorherige Rede, die von den US-Medien als tolle Comeback- und quasi-Nominierungsdankesrede gefeiert wurde, war um einiges interessanter. Die vergangene Woche war es ja etwas ruhiger um ihn geworden, als die Debatte um seinen Priester Rev. Wright wieder hochgeflammt war, nachdem dieser in einer Fragestunde beim National Press Club einige seiner kontroversen Thesen zuspitzte, u.a. dass die US-Regierung für die Verbreitung des AIDS-Virus verantwortlich sei. Außerdem hatte Obama bei der ArbeiterInnenschicht einiges wieder gut zu machen, da seine ‚elitären‘ Äußerungen über deren Bitterkeit einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen hatten. Seine Rede hatte also daher eine viel populistischere Thematik, mit Einbeziehung seiner eigenen Biographie und Verweise auf seine Amerikaliebe:


Warum Obama Hitler liebt

Stephen Colbert zeigt mal konsequent wohin Hillarys Assoziationsketten so führen können… Enjoy!

[Update:] Übrigens gibt es inzwischen auch Leute, die das allen Ernstes behaupten: in meinem neuen Blog gibt’s mehr über die Obama – Hitler Verbindung

Unter die Gürtellinie

Na, allzu überraschend kam das Ergebnis am Dienstag ja nicht. Clinton gewann, aber nicht so überzeugend, um dem Wahlkampf eine wirklich neue Richtung zu geben. Also geht’s erstmal weiter mit Obama wohl als klaren Favoriten in North Carolina und einem Umfragevorsprung in Indiana. So langsam fragt man sich auch in den MSM, ob eine gewisse Ressentimentbasis bei ländlichen Wählern, nicht eine höhere Einstiegshürde für Obama darstellt als erwartet, wie das Ergebnis in Pennsylvania vermuten lässt.

Die Clinton-Strategie, Obamas Glaubwürdigkeit durch Schläge unter die race-Gürtellinie zu schädigen, zieht nun auch weitere Kreise. So kritisierte der schwarze Abgeordnete James Clyburn, einer der höchstrangigen demokratischen Parlamentarier, Bill Clintons Kommentar, dass Obamas Unterstützung durch schwarze Wähler mit der verlorenen 1988er Kampagne Jesse Jacksons, die nie wirklich weiße Wählerschichten in größerem Maßstab erreichen konnte, zu vergleichen sei. Der Ex-Präsident selbst hat diese eigentlich schon vergessene Episode wieder ausgegraben, als er sich zum Schrecken der eigenen Kampagne öffentlich als Opfer einer Verschwörung durch die Obama-Seite darzustellen versuchte.

Und, das wird auch seine deutschen Schäfchen sicher freuen, Michael Moore hat sich kürzlich für Obama ausgesprochen mit Rückbezug auf die Angriffe Clintons während der Debatte. Sinngemaß schreibt er mit altbekanntem Pathos, dass Clinton wie eine Verrückte klang, als sie durch Obama durch bizarrste Assoziationsketten angriff. Dem ist wohl auch nichts hinzuzufügen.

A More Perfect Union

Obamas eigener Beitrag zum Thema race in den USA, in Form einer mutigen Rede, die er im Constitution Center in Philadelphia (wo auch die letzte Debatte stattfand) hielt, wird wohl in die Geschichte eingehen, gerade weil er der Komplexität des Gegenstands mehr als gerecht wird und die Interessen aller Beteiligten mit Weitsicht und Einfühlsamkeit berücksichtigt. Folglich soll sie auf diesem Blog auch nicht fehlen. Viel Vergnügen!


Der postrassistische Kandidat

Morgen Nacht ist es wieder soweit. Wieder mal rollt die ‚alles entscheidende‘ Primary in Pennsylvania an. Zum Schluss ist es ja auch in den Umfragen knapp gewonnen. Clintons quasi-Heimvorteil (sie hat Familienverbindungen zum Städtchen Scranton) ist zusammengeschmolzen, da der Obama-Effekt wieder gegriffen hat: je besser ihn Leute kennen lernen, desto eher sind sie ihm zugeneigt.

Dass ist natürlich auch ein schönes positives Narrativ, wenn es um race relations in den USA geht: Leute müssen sich nur besser kennen lernen, und schon merken sie, dass all ihre Vorteile nichtig sind. Leider entspricht dies nun gar nicht der Wahrheit. Ein hintergründiger Bericht im links-progressiven Magazin ‚The Nation‘ referiert die Arbeit des Soziologen Robert Putnam, der zu ethnisch gemischten Communities in den USA geforscht hat. Das beklemmende Resultat ist, dass je mehr eine Gegend ethnisch durchmischt ist, desto eher fragmentiert sich dort das soziale Zusammenleben insgesamt. Leute hören auf, in Vereinen oder sonstigen kommunalen Aktivitäten teilzunehmen, und eine Atmosphäre des Misstrauens setzt ein.

Also wie lässt sich aber dann der Obama-Effekt erklären? Meine pessimistische These lautet eher, dass Menschen mit starken latenten Vorurteilen bei Obama, je länger sie ihm zuhören, den Eindruck gewinnen, dass er ‚anders‘ ist als ‚Schwarze allgemein‘. Also eine Art von unterschwelligem „Dich meine ich ja gar nicht“-Rassismus wird hier bedient. Obama musste die gesamte Kampagne über einen Seiltanz vorführen: auf der einen Seite musste er ’schwarz genug‘ klingen, um Afro-AmerikanerInnen zu überzeugen, dass er einer von ihnen ist. Wenn man die fast 90%ige Obama-Wahlrate bei dieser WählerInnenschicht heute sieht, lässt sich nämlich leicht übersehen, dass das noch im Januar völlig anders aussah, als der als erster schwarzer Präsident bezeichnete Bill Clinton die Popularität seiner Ehefrau bei schwarzen WählerInnen auf fast dem gleichen Level hielt wie die Obamas. Andererseits versuchte er stets durch sein korrektes, akademisiertes Auftreten zu überzeugen, dass er für Weiße nicht bedrohlich ist, und auch, dass er keine schwarze Klientelpolitik zu beteiben gedenkt, was ihm seitens des paleokonservativen MSNBC Kommentators Pat Buchanan das schmeichelhafte Kompliment einbrachte, er sei „articulate“.

Das macht Hillary Clintons Kampagnenansatz in meinen Augen so moralisch zweifelhaft. Ihr Apparat versucht nämlich durch ihre Assoziation Obamas mit sehr ’schwarz‘ klingenden Menschen wie Rev. Wright (und wie unten aufgeführt damit irgendwie auch Malcolm X) oder Louis Farrakhan in Verbindung zu bringen. Sie bedient also in besonders perfider Weise das alte rassistische Cliché, dass Schwarze sich zwar Bildung aneignen können, tief im Inneren aber essentiell anders seien: das alte Südstaatenepithet des – man verzeihe mir den historisch verwurzelten Begriff – uppity nigger, dem Schwarzen der sich fälschlicherweise als etwas Besseres sieht.

Im Süden der USA etablierte sich im Zuge der festen Etablierung der Sklaverei ein komplexes rassistisches Kastensystem , und jeder Ausbruch, wozu auch die Bildung gehörte, wurde systematisch bestraft, da Afro-AmerikanerInnen ihren ‚Platz kennen‘ sollten („know their place“). Auch heute noch gibt es übrigens eine durch mangelnde finanzielle Förderung schwarzer Schulen, nicht nur historische, sondern akut aktuelle Unterentwicklung bei der Ausbildung schwarzer Schulen, was auch immer ein zentrales Thema der Bürgerrechtsbewegung war – nicht umsonst ging es beim ersten großen juristischen Erfolg 1957 um die Desegregierung einer Schule in Kansas.

Andererseits gab es auch immer ‚Zivilisationsexperimente‘ seitens liberalerer, aber damit nicht minder rassistischer Menschen, die testen wollten, ob es auch möglich sei, Schwarze in weißer Kultur zu unterrrichten. Dabei mussten sich die ‚Endprodukte‘ dieser Experimente, die nun sehr gut gebildeten African Americans, immer den weitläufigen Vorwurf gefallen lassen, ihre Bildung sei nur aufgesetzt und keine Eigenleistung. So wurde die Dichterin Phillis Wheatly, eine der ersten amerikanischen Dichterinnen überhaupt, 1772 vor Gericht beordert, um zu beweisen, dass diese Gedichte wirklich von ihr waren. Und selbst als das bewiesen war, wurde ihre Dichtkunst, wie die vieler anderer Afro-AmerikanerInnen, lange Zeit als billige Kopie europäischer poetischer Normen geschmäht.

Ohne zu negativ sein zu wollen, denn ich glaube ja durchaus, dass viele seiner UnterstützerInnen gerade aus dem jungen studentischen Umfeld sich tatsächlich durch Obamas Vision leiten lassen, kann sich seine Kandidatur ums Präsidialamt trotz seiner post-rassischen Rhetorik nicht einfach aus dem Kontext der amerikanschen Rassismusgeschichte lösen. Somit fand ich Bob Herberts Beobachtung in der New York Times besonders treffend, dass Obamas umstrittener Kommentar, dass sich pennsylvanische KleinstädterInnen aus Bitterkeit an Waffen, Religion und Vorteile klammern, auch aus einer Frustration heraus entstanden ist, dass er trotz all seiner Bemühungen, in den Köpfen von Vielen nicht aus seiner Mulde auszubrechen vermag.

So bleiben wohl zwei der meistgespielten Clips der Kampagne bisher, der seines Pastors, wie er über wütend über Amerika herzieht, und der von Obama wie er beim Bowlen versagt (zugegeben, 37 Punkte sind echt miserabel…), also sich trotz aller Bemühungen, nicht in das weiße Kleinstadtrollencliché einfügen kann. Wahrscheinlich ist das aber auch gut so. Schauen wir mal ob das die Bewohner Pennsylvanias das morgen genauso sehen.

Barack Obaader?

Hillary Clinton versuchte in der Debatte vor einigen Tagen ihren Kontrahenten Obama mit bewährten Methoden auszustechen: guilt by association. Zuerst natürlich kamen die üblichen Verdächtigen, also Rev. Jeremiah Wright, der in einem Soundbite Amerika die Verdammnis wünscht und dem antisemitischen Nation of Islam Vorsitzenden, Louis Farrakhan, der zwar Obama seine Unterstützung ausgesprochen hat, auch wenn dieser dankend abgelehnt hat.

Jetzt kam aber eine neue Komponente ins Spiel – Clinton versuchte Obama in die Nähe einer radikalen Bewegung aus dem post-68er studentischen Milieu in Verbindung zu bringen: den Weathermen (siehe hier). In der Tat kennt Obama das ehemalige Mitglied und heutigenm Englischprofessor Bill Ayers, der in seinem Chicagoer Distrikt wohnt, und saß mit ihm wohl auch eine Zeit lang zusammen in einem Ausschuß der Woods Foundation.

Ich finde es spannend, wie die 1960er und ihre Ausläufer so eine zentrale Rolle in dieser Kampagne einnehmen. Erst kam die Beschäftigung mit Martin Luther King (mit Obama als eine Art Reinkarnation und Clinton in einer äußerst undankbaren Rolle als King-Kritiker), dann kam durch Reverend Wright auch die Geschichte der radikalen schwarzen Predigt ins Gespräch. Nicht zufällig wurde eine Szene im Dauerloop gespielt, in der Wright der Rhetorik des ewigen weißen Schreckgespenstes Malcolm X wiederaufnahm. Malcolm verwandte die umstrittene Phrase der „chickens coming home to roost“ als Erklärung für den Kennedymord, bei Wright war es in internationalerer Perspektive der Grund für 9/11. Auch Clintons Faszination eine ziemlich abwegige Farrakhan-Obama Verbindung zu etablieren hat mitunter die Bewandniss, dass erster nun den Black Muslims, Malcolm X alte Organisation vorsteht. So soll Obamas Konnotation mit dem positiv besetzten King, einer gedanklichen Verbindung mit Malcolm und all den mit ihm verbundenen Ängsten weichen.

Überhaupt trägt Clinton eine Menge zur Verklärung dieser historisch höchst komplexen Epoche bei, um ihre politischen Interessen zu verwirklichen. So stellt sie ihre neue Wunderwaffe aus der Zeit, die Weathermen, auch als eine Art amerikanische RAF dar. Nun gibt es, neben der klar divergiernden politischen Zielvorstellungen, aber einen entscheidenden moralischen Unterschied zwischen der RAF und den Weathermen. Während erstere sich gezielt die Ermordung von Menschen zur Aufgabe machte, haben die Weathermen in einer Grundsatzdiskussion ausgeschlossen, dass für ihre Ziele Menschenleben geopfert werden sollten, und haben vor ihren Bombenangriffen immer rechtzeitig Bescheid gegeben, so dass eine Evakuierung möglich war. Und obwohl Clinton ominös Menschen erwähnte, denen der ‚Terrorismus‘ das Leben gekostet hatte, muss man doch festhalten, dass es sich bei diesen Menschen um Mitglieder der Weathermen handelte, die beim Bau einer Bombe durch eine Fehlzündung ums Leben kamen. Also mit Sicherheit keine Terroropfer.

Als sei das nicht genug, brachte Clinton auch noch einen Bericht der New York Times vom elften September 2001 (!!) ins Gespräch, in dem Obamas Bekannter, Bill Ayers mit den Worten zitiert wird, seine Organisation habe nicht genug getan. So versucht Clinton eine bizarre Al Qaida-Weathermen-Black Muslims-Obama Connection in den Köpfen der Wähler zu zimmern. Dazu passte auch ein ziemlich abstruses Hamas-Namedropping in der Diskussion um Rev. Wright während der Debatte. Blöd nur, dass Ayers das Interview natürlich vor dem 11. September gab – einem Datum, dass Clinton natürlich extra betonte. Von einer Verhöhnung der Opfer des Anschlags, wie Clinton insinuiert, kann also keine Rede sein.

Bravo, Hillary, besser hätte das auch die alte Republikanische Angriffsmaschinerie um Karl Rove auch nicht hinbekommen!

Ochsentouren

Da! Da – seht mal was für Ochsentouren amerikanische KandidatInnen ablegen müssen:

Sowas ist übrigens bis ins kleinste Detail durchgeplant. Zum Beispiel kann es doch kein Zufall sein, dass Clinton Whiskey trinkt (wenn auch elitären, teuren Whiskey). Whiskey ist in den USA tendenziell ein Red State, also Republikanisches Produkt (siehe hierzu diesen aktuellen NY Times Artikel), da passt es doch gerade optimal als Requisite, wenn sich Hillary als verbunden mit dem gemeinen Kleinstadt-folk darstellen möchte.

Meta-Poli-Phonie

Also Leute, diese interessanten, politisch brisanten Videos habe ich ja nicht (nur) zum Spaß hier rein gestellt. Da lassen sich ja einige interessante Punkte dran festmachen. Auch wenn in Deutschland durchaus eine Amerikanisierung des Wahlkampfes zu beobachten ist (z.B. durch die Einführung von KanzlerkandidatInnendebatten), sind natürlich deutliche Unterschiede zum amerikanischen Politikstil festzustellen. Dies ist auch nicht unbedingt etwas schlechtes, wenn man bedenkt, in welche Abgründe eine stark personalisierte Kampagne mit einem charismatischen Kandidaten dieses Land schon gestürzt hat. Walter Benjamins Warnung vor der ‚Ästhetisierung der Politik‘ sollte hier dringend beachtet werden. Das ist ja bekanntlich der Grund für die bundesrepublikanische Zurückhaltung bei Themen wie Volksentscheiden oder der Direktwahl von KandidatInnen für hohe Ämter – obwohl letzteres Tabu ja durch die Neuregelung des Kommunalwahlrechts mit der einhergehenden Direktwahl in das Bürgermeisteramt schon ausgehöhlt wurde.

Nun ja, nachmachen möchte ich so einen Wahlkampf sicherlich nicht – aber amüsiert zuschauen wird mir wohl gestattet sein. Der Wahlkampf 2.0, das erste Mal im großen Stil von Joe Trippi – dem Kopf hinter der 2004 Howard Dean Kampagne – ausprobiert, hat mit Barack Obama nun erstmals einen aussichtsreichen Kandidaten um seine Wirkungsmacht zu beweisen. Wie dem auch sei, auch wenn mit YouTube ein neues Medium erschienen ist, mit dem Präsidentschaftskandidaten ihre Wahlkampfslogans an die Leute bringen können, fundamental hat sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wenig an der Inszenierung des Wahlkampfs verändert. In die Zeit der Präsidentschaft Andrew Jacksons in den 1820ern fiel auch eine Revolution der Bildung und Gestaltung der öffentlichen Squäre: die Expansion des Zeitungswesens. In den urbanen Zentren dieser Zeit entstand eine Vielzahl journalistischer Publikationen, die in den USA immer eher einen Fokus auf populistisch angehauchten opinion pieces legte als in Europa. Die heutige Blogosphäre ist inhaltlich davon oft nicht sonderlich weit entfernt.

Den Trash, den ich hier mal exemplarisch dargeboten habe, konnte man in ähnlicher Form bereits im neunzehnten Jahrhundert erfahren. Kampagnen waren immer schon eine Mischung aus sog. stump speeches, die die Kandidaten (ja – damals in der Tat alle männlich, wie auch die Wähler) gebetsmühlenartig vor wechselndem Publikum mit Verve wiederholen mussten, pompös inszenierten Paraden und merkwürdigen Begleiterscheinungen von Kampagnenliedern bis zu Seifenskulpturen der Kandidaten. Als neue Medien hinzukamen, wie z.B. das Fernsehen als Massenmedium, haben sich neue Rituale herausgeprägt – ein stärker auf Visualität ausgerichtetes Medium hat dem jugendlich wirkenden John F. Kennedy im Wahlkampf 1960 den entscheidenden Vorteil vor Richard Nixon verschafft. Sollte Obama diese Wahl gewinnen, wird über ihm wohl ähnliches im Bezug auf das Medium Internet in die Geschichtsbücher geschrieben werden.

Man darf dabei nicht vergessen, woher das Präsidialamt historisch stammt: schon durch seine konstitutionale Bevorzugung mit der Aura eines Ersatzkönigtums versehen, ist eine daraus folgende Idealisierung des Amtes wohl nicht allzu erstaunlich. Klar wäre eine Reform des Wahlrechts überfällig, wird aber von Kandidaten nach gewonnener Wahl wieder vergessen, da es sie ja nicht mehr so richtig betrifft. A propos Reform: ein wenig mehr partizipatorische Demokratie könnte auch der Bundesrepublik nicht schaden, wie auch die SPD feststellen wird, wenn sie weiter stur darauf drängt ihren Brummbär Kurt Beck aufzustellen, ohne zumindest mal die Parteibasis zu befragen. Nur sollten solche Reformen immer mit Vorsicht und einem ständigen Blick auf die deutsche Geschichte gewagt werden.