Der postrassistische Kandidat

Morgen Nacht ist es wieder soweit. Wieder mal rollt die ‚alles entscheidende‘ Primary in Pennsylvania an. Zum Schluss ist es ja auch in den Umfragen knapp gewonnen. Clintons quasi-Heimvorteil (sie hat Familienverbindungen zum Städtchen Scranton) ist zusammengeschmolzen, da der Obama-Effekt wieder gegriffen hat: je besser ihn Leute kennen lernen, desto eher sind sie ihm zugeneigt.

Dass ist natürlich auch ein schönes positives Narrativ, wenn es um race relations in den USA geht: Leute müssen sich nur besser kennen lernen, und schon merken sie, dass all ihre Vorteile nichtig sind. Leider entspricht dies nun gar nicht der Wahrheit. Ein hintergründiger Bericht im links-progressiven Magazin ‚The Nation‘ referiert die Arbeit des Soziologen Robert Putnam, der zu ethnisch gemischten Communities in den USA geforscht hat. Das beklemmende Resultat ist, dass je mehr eine Gegend ethnisch durchmischt ist, desto eher fragmentiert sich dort das soziale Zusammenleben insgesamt. Leute hören auf, in Vereinen oder sonstigen kommunalen Aktivitäten teilzunehmen, und eine Atmosphäre des Misstrauens setzt ein.

Also wie lässt sich aber dann der Obama-Effekt erklären? Meine pessimistische These lautet eher, dass Menschen mit starken latenten Vorurteilen bei Obama, je länger sie ihm zuhören, den Eindruck gewinnen, dass er ‚anders‘ ist als ‚Schwarze allgemein‘. Also eine Art von unterschwelligem „Dich meine ich ja gar nicht“-Rassismus wird hier bedient. Obama musste die gesamte Kampagne über einen Seiltanz vorführen: auf der einen Seite musste er ’schwarz genug‘ klingen, um Afro-AmerikanerInnen zu überzeugen, dass er einer von ihnen ist. Wenn man die fast 90%ige Obama-Wahlrate bei dieser WählerInnenschicht heute sieht, lässt sich nämlich leicht übersehen, dass das noch im Januar völlig anders aussah, als der als erster schwarzer Präsident bezeichnete Bill Clinton die Popularität seiner Ehefrau bei schwarzen WählerInnen auf fast dem gleichen Level hielt wie die Obamas. Andererseits versuchte er stets durch sein korrektes, akademisiertes Auftreten zu überzeugen, dass er für Weiße nicht bedrohlich ist, und auch, dass er keine schwarze Klientelpolitik zu beteiben gedenkt, was ihm seitens des paleokonservativen MSNBC Kommentators Pat Buchanan das schmeichelhafte Kompliment einbrachte, er sei „articulate“.

Das macht Hillary Clintons Kampagnenansatz in meinen Augen so moralisch zweifelhaft. Ihr Apparat versucht nämlich durch ihre Assoziation Obamas mit sehr ’schwarz‘ klingenden Menschen wie Rev. Wright (und wie unten aufgeführt damit irgendwie auch Malcolm X) oder Louis Farrakhan in Verbindung zu bringen. Sie bedient also in besonders perfider Weise das alte rassistische Cliché, dass Schwarze sich zwar Bildung aneignen können, tief im Inneren aber essentiell anders seien: das alte Südstaatenepithet des – man verzeihe mir den historisch verwurzelten Begriff – uppity nigger, dem Schwarzen der sich fälschlicherweise als etwas Besseres sieht.

Im Süden der USA etablierte sich im Zuge der festen Etablierung der Sklaverei ein komplexes rassistisches Kastensystem , und jeder Ausbruch, wozu auch die Bildung gehörte, wurde systematisch bestraft, da Afro-AmerikanerInnen ihren ‚Platz kennen‘ sollten („know their place“). Auch heute noch gibt es übrigens eine durch mangelnde finanzielle Förderung schwarzer Schulen, nicht nur historische, sondern akut aktuelle Unterentwicklung bei der Ausbildung schwarzer Schulen, was auch immer ein zentrales Thema der Bürgerrechtsbewegung war – nicht umsonst ging es beim ersten großen juristischen Erfolg 1957 um die Desegregierung einer Schule in Kansas.

Andererseits gab es auch immer ‚Zivilisationsexperimente‘ seitens liberalerer, aber damit nicht minder rassistischer Menschen, die testen wollten, ob es auch möglich sei, Schwarze in weißer Kultur zu unterrrichten. Dabei mussten sich die ‚Endprodukte‘ dieser Experimente, die nun sehr gut gebildeten African Americans, immer den weitläufigen Vorwurf gefallen lassen, ihre Bildung sei nur aufgesetzt und keine Eigenleistung. So wurde die Dichterin Phillis Wheatly, eine der ersten amerikanischen Dichterinnen überhaupt, 1772 vor Gericht beordert, um zu beweisen, dass diese Gedichte wirklich von ihr waren. Und selbst als das bewiesen war, wurde ihre Dichtkunst, wie die vieler anderer Afro-AmerikanerInnen, lange Zeit als billige Kopie europäischer poetischer Normen geschmäht.

Ohne zu negativ sein zu wollen, denn ich glaube ja durchaus, dass viele seiner UnterstützerInnen gerade aus dem jungen studentischen Umfeld sich tatsächlich durch Obamas Vision leiten lassen, kann sich seine Kandidatur ums Präsidialamt trotz seiner post-rassischen Rhetorik nicht einfach aus dem Kontext der amerikanschen Rassismusgeschichte lösen. Somit fand ich Bob Herberts Beobachtung in der New York Times besonders treffend, dass Obamas umstrittener Kommentar, dass sich pennsylvanische KleinstädterInnen aus Bitterkeit an Waffen, Religion und Vorteile klammern, auch aus einer Frustration heraus entstanden ist, dass er trotz all seiner Bemühungen, in den Köpfen von Vielen nicht aus seiner Mulde auszubrechen vermag.

So bleiben wohl zwei der meistgespielten Clips der Kampagne bisher, der seines Pastors, wie er über wütend über Amerika herzieht, und der von Obama wie er beim Bowlen versagt (zugegeben, 37 Punkte sind echt miserabel…), also sich trotz aller Bemühungen, nicht in das weiße Kleinstadtrollencliché einfügen kann. Wahrscheinlich ist das aber auch gut so. Schauen wir mal ob das die Bewohner Pennsylvanias das morgen genauso sehen.


0 Antworten auf “Der postrassistische Kandidat”


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>